18. Dezember

Geschichte

Es war einmal eine Frau. Die war gerade dabei, die Straße vor ihrer Haustür zu fegen. Es war schon spät. Die ersten Sterne standen am Himmel. Da kam eine Nachbarin. Sie trug ein Päckchen unter dem Arm. „Hast du den Stern gesehen?“, rief sie. ,,Das Kind ist geboren.“ „Welches Kind?“, fragte die Frau. Aber die Nachbarin war so aufgeregt, dass sie die Frage gar nicht hörte. „Ich bringe dem Kind ein Geschenk“, sagte sie und zeigte auf das Päckchen. „Willst du nicht mitgehen?“ „Ich bin noch nicht fertig mit Fegen“, erwiderte die Frau. „Geh nur einstweilen voraus.“ Am nächsten Abend klopfte es an ihrer Tür, als sie gerade beim Plätzchenbacken war. Ein paar Freunde standen draußen. „Der Stern ist da!“, riefen sie. „Er führt uns zu dem Kind. Kommst du mit? Wir wollen es begrüßen.“ „Ich muss noch das letzte Blech fertig backen“, sagte die Frau. „Geht nur voraus.“ Am dritten Tag klopfte es wieder an ihrer Tür. Da war die Frau gerade dabei, einen Schal zu stricken. Leute aus dem Dorf standen draußen. „Wir gehen zum Kind“, sagten sie. „Gehst du mit?“ „Ich muss nur noch den Schal fertig stricken“, erklärte die Frau. „Dann komme ich.“ Am nächsten Abend war sie bereit. Sie packte eine Tüte Plätzchen in einen Korb, dazu den Schal und eine Flasche Wein für den Vater des Kindes, und machte sich reisefertig. Sie zog ihre dicken Winterschuhe an, denn sie wusste nicht, wie weit der Weg war; und den guten blauen Mantel und den Hut mit der Blume, denn sie wollte das Kind gebührend begrüßen. So trat sie hinaus vor das Haus. Es war eine kalte, klare Nacht. Der Himmel war voller Sterne. Aber der Weihnachtsstern, der den Menschen den Weg zum Kind zeigt, war verschwunden. Die Frau suchte und suchte, aber sie konnte ihn nicht entdecken. Da ging sie traurig wieder zurück in ihr Haus.

Quelle: Fuchshuber, Annegret: Ich habe einen Stern gesehen – Lahr: Kaufmann, 1999

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